Freies Gleis voraus: Neue Schneeschleuder von Schmidt sorgt für freie Fahrt der Matterhorn Gotthard Bahn

Autor: Patricia Pfister , 21.09.2016

Die Matterhorn Gotthard Bahn ist die DIE Erlebnisbahn im Herzen der Alpen. Sie führt von Zermatt nach Disentis und von Andermatt nach Göschenen über eine Strecke von 144 Kilometer.

Dabei überwindet sie insgesamt rund 3.300 Höhenmeter, durchfährt 33 Tunnel und Galerien und fährt über 126 Brücken. Die Strecke gilt als Pionierleistung des 19. Jahrhunderts, heute heißt es, diese zu jeder Jahreszeit sicher befahrbar zu halten. So reizvoll die Strecke in der Schweizer Winterlandschaft ist, so technisch anspruchsvoll ist auch die Streckenräumung. Für diese Aufgabe beauftragte die Matterhorn Gotthard Bahn die Spezialisten von Schmidt. Dafür wurde eine betagte Beilhack-Schneeschleuder auf Vordermann gebracht und in Detailarbeit mit allen technischen Raffinessen ausgestattet.

Schier atemberaubend ist die Wanderung durch das Mattertal: Auf etwa 35 km ­erreichen links und rechts entlang des Tals die Berge Höhen von über 4.500 m – ganze 36 der 82 Viertausender der Alpen recken sich hier den Himmel empor. Hier befindet sich die höchste Konzentration von Viertausendern in den Alpen, das Tal durchschneidet die zweithöchsten Massive des Alpenbogens, was ihm auch den Eintrag als „tiefstes Tal der Schweiz“ ins Guinness-Buch der Rekorde einbrachte. So idyllisch und beeindruckend der Weg zwischen den Schweizer Gemeinden Visp und Zermatt auf Schusters Rappen auch sein mag, anstrengend ist er auch. Viele Alternativen dazu hatte man vor 125 Jahre jedoch noch nicht – doch mit dem 3. Juli 1891 änderte sich das schlag­artig. Ein findiger Hotelier namens Alexander ­Seiler hatte das touristische Potenzial des ­Matterhorns erkannt, die Anreise sollte jedoch schneller und bequemer für die Reisenden vonstattengehen – und so machte er sich für eine durch das Mattertal führende Bahnstrecke stark.

Anspruchsvolle Bahnstrecke
Seither hat sich das Streckennetz massiv erweitert, heute verbindet die Matterhorn Gotthard Bahn Disentis in Graubünden mit Zermatt, ­s­owie die Gemeinden Andermatt und Göschenen über eine Strecke von 144 km. Dabei überwindet sie insgesamt rund 3.300 Höhenmeter, durchfährt 33 Tunnel und Galerien und fährt über 126 Brücken. Der tiefste Punkt auf der Reise ist Visp mit 625 m ü.M. und der höchste ist auf dem Oberalppass mit 2.033 m ü.M. Hier ist oft der Weg das Ziel: Es werden nicht nur Verbindungen zwischen einzelnen Orten bedient, viele Passagiere unternehmen allein des Panoramas wegen die Fahrt. Die Matterhorn Gotthard Bahn unterhält Strecken, die für den Schienenverkehr große Herausforderungen bedeuten. Die Ingenieure des 19. Jahrhunderts haben die Pionierarbeit beim Tunnel- und Brückenbau geleistet. Heute geht es darum, die Strecken im Sommer vor Hochwasser, Mur­gängen und Steinschlag zu schützen. Und im Winter gilt es, die Schienen auch nach großen Schneefällen ­s­ofort wieder zu säubern und die Sicherheit zu gewährleisten.

2. Leben für über 50-jährige Schneeschleuder
Aus diesem Grund wandte sich die Matterhorn Gotthard Bahn an die ASH Group: Ein zeit­gemäßes, leistungsfähiges und vor allem sicheres Schneeräumungsfahrzeug für den harten Wintereinsatz am Oberalppass wurde gesucht. Als Bestandskunde war der Bahnbetreiber nach jahrzehntelanger Erfahrung mit Beilhack-­Schneeschleudern von der der Zuverlässigkeit und Leistungsfähigkeit dieser Maschinen überzeugt. „Zuerst war für den Winterdienst eine neue Bahnschneeschleuder geplant, was sich aber dann in den Projektgesprächen mit den spezifischem Anforderungsprofil recht schwierig darstellte“, erzählt Andreas Schwald, Key ­Account Management Airport & Rail. Nach Prüfung verschiedener Optionen wurde Ende 2014 eine Bernina-Schneeschleuder von der Rhätischen Bahn übernommen, die bereits zur Verschrottung vorgesehen war. Die Spezialisten von der zur ASH Group gehörenden ­Marke Schmidt konnten der Altmaschine aber neues Leben einhauchen und so alle Anforderungen der Matterhorn Gotthard Bahn bezüglich Technik und der sich verändernden Infrastruktur im Bahnsegment entsprechend reali­sieren. Die mehr als 50 Jahre „alte Dame“ musste jedoch von Grund auf renoviert und erneuert werden. Ein Fall für die Bahnexperten von Schmidt am Standort St. Blasien.

Technische Runderneuerung
Nach dem Transport von Landquart in der Schweiz nach St. Blasien im Januar 2015 per Tieflader und Kranwagen – der Schienentransport ist in diesem Fall aufgrund der Spurweite (1.000 mm) nicht möglich – wurde die Schneeschleuder erst einmal komplett demontiert. Bei der Bestandsaufnahme stellte sich heraus, dass vom ursprünglichen Fahrzeug nur das Fahrwerk, die Kabine und Teile des Aggregats bestehen bleiben konnten. Das Innenleben der Ka­bine, die Technik und der Räumkopf mussten komplett ausgetauscht und teils neu konzipiert werden. Der Antriebsstrang wurde von einem über Dachstromabnehmer versorgten elektrischen auf einen dieselhydraulischen Räumkopf-Antrieb umgebaut und das Aggregat verbessert. Damit verbunden wurde ein neuer Dieselmotor mit 682 KW inklusive Motor­peripherie (Kühl-, Verbrennungsluft, Kraftstoff­an­lage, etc.) mit Verteilergetriebe und darauf abgestimmten Hydraulikpumpen eingebaut. 850 PS zielen allein auf den Antrieb des neuen teles­kopierbaren Räumkopfes ab, der über eine maximale Räumbreite von 4,6 m und eine ­maximale Räumhöhe von 3 m verfügt. Er wird mechanisch angetrieben, um die Leistung mit einem hohen Wirkungsgrad auf den Schleudervorbau zu übertragen. Das Fahrzeug wurde ­zudem mit einer Zahnradbremse nachgerüstet. Auch das Innenleben der Kabine ist nicht ­wieder zu erkennen. Das Bedienpult wurde komplett überarbeitet und ergonomisch gestaltet. Die ­Bedienung des Räumkopfes erfolgt nun über Joy­sticks und verfügt über deutlich mehr ­Steuerfunktionen als bisher. Es wurde ein neuer teilbarer Schneeschleudervorbau installiert mit entsprechender Sensorik, die den Fahrer zukünftig in seiner Arbeit unterstützt. „Die ganze Maschine ist auf kundenspezifische Anforderungen zugeschnitten, das Bedienpersonal ist früh im Projektablauf eingebunden worden“, berichtet Andreas Schwald. „Somit ergeben sich optimierte Arbeitsplätze.“ Sie verfügen unter ­anderem über eine Heizung und weitere Annehmlichkeiten, die die Arbeitsbedingungen er­leichtern, etwa einen schnellen Zugriff auf ­Ar­beits­werkzeuge, etc.

Technische Bedienung auf neuestem Stand
Das Schneeräumfahrzeug ist als geschobene Einheit gebaut, d.h. der Vortrieb erfolgt über eine separate Schublokomotive. In der Schneeräummaschine erfolgen nur die Bedienung des Räumaggregates und gegebenenfalls die Bremsvorgänge. Hierzu ist das Fahrzeug mit der Bremsanlage der Schublokomotive verbunden. Die Kommunikation des Bedienpersonals zwischen Schublok und Räumfahrzeug erfolgt über eine Freisprechanlage beziehungsweise über Funk zur Einsatzzentrale.

Projekt unter Zeitdruck
Größte Herausforderung bei diesem Projekt war die Zeit. Spätestens im September musste die Schneeschleuder wieder an den Kunden ausgeliefert werden. Ein strenges Projektmanagement war erforderlich, um die Einhaltung der fix ­definierten Zeitschiene über nur einen schneefreien Sommer hinweg zu gewährleisten. „Neun Monate sind eigentlich eine lange Zeit, bei diesem Projekt allerdings nicht mehr als ein Wimpernschlag“ erinnert sich Clemens Rosa, Leiter der Entwicklung Winterdiensttechnik bei Schmidt und Leiter des Projektes. „Die Schneeschleuder der Matterhorn Gotthard Bahn ist keine Maschine von der Stange. Trotz einer ­akribischen Planung war das ein oder andere Detail nicht vorhersehbar, etwa versteckte Risse in Fahrgestell- oder Aufbaurahmen.“ Dass die Zeitschiene am Ende eingehalten werden konnte, ist nicht nur der Erfahrung der Mitarbeiter zu verdanken, sondern vor allem auch dem ­großen Teamgeist. „Von Einkauf, Qualitätsmanagement, Logistik, Entwicklung bis hin zur Montage war jeder Kollege mit viel Herzblut bei der Sache“, so Clemens Rosa. „Viele kleine ­Rädchen und ein perfektes Zusammenspiel ­waren nötig, um dieses Projekt in der gesetzten Zeit zu stemmen. Aber auch der enge Kontakt zum Kunden und der regelmäßige Austausch vor Ort in St. Blasien hat uns geholfen, die Arbeit ‚in time‘ durchzuführen.“ So kam es zu keinen ­gravierenden Schwierigkeiten während des Projektablaufs, kleinere Themen wurden durch sehr direkte Kommunikation mit dem Kunden schnell und unbürokratisch geklärt. „Die Maschine ist zusammen mit dem Kunden Stück für Stück entstanden und wurde über den Projektplan und über regelmäßige  Projekt-Meetings alle drei bis vier Wochen überwacht und weiterent­wickelt, auch das Bedienpersonal wurde hierbei frühzeitig mit eingebunden“, berichtet Andreas Schwald von dem Arbeitsverlauf.

Neun Monate für Modifikation
Bei so viel Zeit und Engagement fiel der Abschied in St. Blasien dann fast etwas schwer. „Das Projekt war für alle Beteiligten etwas Besonderes und wir sind schon ein wenig stolz, beim Blick auf das 28 Tonnen schwere Ergebnis und einen zufriedenen Kunden, der pünktlich am 16. ­September die neue-alte Schneeschleuder in Empfang nehmen konnte“, so Clemens Rosa. Im November wurde die HB10 mit dem Namen „Tschamut“ in Disentis feierlich in Betrieb ­genommen und unterstützt das Winterdienstprogramm. In seiner ersten Betriebssaison konn­te sich die Beilhack-Schneeschleuder bereits bei über zehn Einsätzen unter Beweis stellen. Erfahrung, Betreuung, technisches Know-how – im speziellen auch in der Revision und Instandsetzung solcher Maschinen – und gegenseitiges Vertrauen waren die Grundpfeiler für ein partnerschaftliches Zusammenarbeiten zwischen Schmidt und der Matterhorn Gotthard Bahn. „Die in den letzten Jahren ausgelieferten Maschinen sind ohne Probleme im Einsatz und die positive Zusammenarbeit in weiteren Projekten zeigt auf, dass der Kunde mit uns sehr zufrieden ist“, ­resümiert Andreas Schwald. „Der Kontakt zwischen unserem Kunden und uns ist auch dank unseren  Know-how-Träger in Sachen Schienenschneeräumung, Markus Anderl, nie abgerissen und wird bis heute gepflegt – was auch einen wichtigen Pluspunkt in der Kundenbetreuung bedeutet“, unterstreicht der Key Account Manager für den Sektor Airport & Rail die Wichtigkeit von gelungener Kundenbindung. Dazu gehört auch, dass nach der Auslieferung der Maschinen seitens Schmidt intensive Schulungen sowie technische Unterstützung mitangeboten werden.

ASH Group auf der Messe Innotrans in Berlin
Über die Leistungen und die Erfahrungen im Bahn-Schneeräumdienst kann man sich bei ­einem persönlichen Gespräch mit den Experten von ASH auf der Innotrans 2016 in Berlin informieren, der wichtigsten Messe im Bahnsegment. ASH wird als Mitglied der SwissRail Industry Association auf der Messe vertreten sein.

Tags: , , , , , , , ,

Beilhack070 komprimiert2

 

Auch die norwegische Eisenbahngesellschaft Jernbaneverket vertraut auf die Technik von Schmidt: Hier befreit eine Beilhack-Schneeschleuder die Gleise von den Schneemassen.

Foto: ASH

Messfahrt

 

Wartet hier noch auf ihren ersten Einsatz: Die runderneuerte Beilhack-Schneeschleuder wurde pünktlich im September 2015 nach ca. neun-monatiger Konstruktionsarbeit in Disentis ausgeliefert. In der Zwischenzeit verbucht die Schneeräummaschine über zehn Einsätze in ihrer ersten Saison.

Foto: ASH

Schneeschleuder MGB beim Umbau

 

Bei der Bestandsaufnahme stellte sich heraus, dass vom ursprünglichen Fahrzeug nur das Fahrwerk, die Kabine und Teile des Aggregats bestehen bleiben konnten. Das Innenleben der Kabine, die Technik und der Räumkopf mussten komplett ausgetauscht und teils neu konzipiert werden.

Foto: ASH

Verladung

 

Per Tieflader und Kranwagen wurde die zur Verschrottung vorgesehene Schneeschleuder vom Schweizerischen Landquart zum Schmidt-Standort nach St. Blasien geliefert. Hier wurde der „alten Dame“ wieder neues Leben eingehaucht.

Foto: ASH