wenn planer zu betreibern werden: in obergurgl führen biomasse-spezialisten das heizwerk

Autor: Patricia Pfister , 30.03.2020

Mit Biomasseanlagen war man bei den Unternehmen Aqotec und ABT seit Jahren bestens vertraut – schließlich waren beide Firmen in planerischer und ausführender Funktion bei vielzähligen Anlagen beauftragt.

Doch in den vergangenen Jahren hat der Wunsch einer eigenen Beteiligung an einem Heizwerk immer mehr zugenommen. Die beiden Spezialisten haben sich zusammengetan und betreiben seit 2016 die Biowärme Obergurgl in Tirol. Durch diesen Schritt konnten die Betreibergesellschaften die wirtschaftlichste Planung des Heizwerkes sicherstellen.

"Diamant der Alpen“: So betiteln Einheimische sowie begeisterte Wintersporttouristen die lose zusammenhängende Region Obergurgl / Hochgurgl. Mit seinen verschneiten Hängen lädt der zur Tiroler Gemeinde Sölden gehörende Skiort zum ausgiebigen Runterwedeln ein. Die Gemeinde liegt in den Ötztaler Alpen nahe dem Alpenhauptkamm und ist von bis zu 3.500 m ­hohen Gipfeln und mehreren Gletschern umgeben; Obergurgl gilt mit seiner Lage von 1.907 m über dem Meeresspiegel als höchstes Kirchdorf Österreichs. So wundert es bei dieser Situierung nicht, dass in dem Ort ein besonders großer Wärmebedarf während der Wintermonate besteht – insbesondere, da jeden Winter zusätzlich 85.000 Gäste im Ort einquartiert werden. Wie in der Gemeinde geheizt wird, ist für alle eintreffenden Besucher schnell ersichtlich: Am Ortseingang ist seit Dezember 2016 ein Biomasseheizwerk positioniert, das sich dank seiner ansprechenden Holzfassade angenehm in die umgebende Landschaft einfügt. Aber nicht nur optisch kann die Anlage punkten, sondern auch mit der ausgefeilten Technik im Inneren des Heizwerks. Dafür sorgten die beiden planerischen Unternehmen Aqotec und ABT, in deren Besitz sich die Anlage befindet. Das umfangreiche Portfolio des oberösterreichischen Unternehmens Aqotec reicht unter anderem von Klein- und Großanlagen über Kommunikationstechnik bis hin zu Wärmemanagement.  Aufgrund der Tatsache, dass Aqotec mit seinem Planungsbüro das Know-how direkt im Haus hat und laufend Erkenntnisse aus bereits bestehenden Anlagen in die Planung einfließen lässt, setzten bereits viele Kunden (beispielsweise die Biomasseanlagen in Oberlech, Zürs und Kühtai) auf den Experten im Bereich der Nah- und Fernwärmetechnik mit Sitz in Weißenkirchen im Attergau. In den vergangenen Jahren hat der Wunsch einer Beteiligung des planenden Ingenieurbüros immer mehr zu­genommen. Durch diesen Schritt möchten Betreibergesellschaften die wirtschaftlichste Planung eines Heizwerkes sicherstellen.

Planer sind Betreiber der Anlage
Als zweiter Betreiber der Anlage fungiert ABT Alpenbau Tirol GmbH. Die zur Firmengruppe gehörenden FK Bau GmbH als ausgewiesener Spezialist für den Baubereich vor Ort war für die gesamte Bauausführung verantwortlich und hat vom Entwurf über die Errichtung alle nötigen Schritte abgewickelt. Insbesondere Leistungen wie Planung (Entwurfs-, Polier- und Detailplanung), statische Berechnungen, Ausschreibungen, Vergabe der Gewerke, Bauleitung, Planungs- und Baustellenkoordination, sowie Qualitätskontrolle auf der Baustelle wurden als Eigenleistung ausgeführt. Die Firmengruppe übernahm zudem die Einreichung bei den zuständigen Behörden und war für den Antrag von Förderungen bis zu deren Genehmigung zuständig. Absolute Priorität hat für die beiden Eigner die Zusammenarbeit mit allen Gesellschaftsbeteiligten vor Ort. So ist zum einen eine Veräußerung an große Energieversorung ausgeschlossen und zum anderen sind die Ansprechpartner für Kunden schneller greifbar, so etwa für persönliche Termine.

Biomasse-Technik am neuesten Stand    
Dass die installierte Anlagentechnik auf dem neuesten Stand der Technik ist, wundert bei der Expertise der Betreiber nicht. Für die zwei Kesselanlagen beauftragte man das Kärntner Unternehmen Urbas, das einen Heizkessel mit 1.000 kW (Sommerkessel) und  einen mit 2.500 kW (Winterkessel) auslieferte – im Vollausbau sind in den Wintermonaten beide mit Waldhackgut aus der Region beheizten Kesselanlagen in Betrieb. Durch die ideale Dimensionierung der beiden Biomassekessel wird die Anlage sowohl in den Sommermonaten mit weniger Leistung als auch in den Wintermonaten im Volllastbetrieb im optimalen Wirkungsgradbereich betrieben. Zwei großzügig dimensionierte Pufferspeicher mit jeweils 80.000 Liter Fassungsvermögen kompensieren zudem die Lastspitzen im Netz.

Bestmögliche Energieausbeute
Im Hinblick auf den ressourcenschonenden Umgang mit Energie wurde zusätzlich eine Rauchgaskondensationsanlage von Heger Edelstahl installiert, wodurch das Niedertemperaturpotenzial voll genützt wird. Dabei wird die Abwärme, die ansonsten über den Kamin verpuffen würde, rückgeführt. Der bei der Verbrennung von feuchter Biomasse hohe Wärmeinhalt der Abgase geht häufig ungenutzt als Verlust in die Umgebung. Gelingt es durch eine entsprechend ausgelegte Wärmerückgewinnungsanlage, das Rauchgas unter den Rauchgastaupunkt abzukühlen, so können daraus beträchtliche Wirkungsgradstei­gerungen erzielt werden. Je niedriger der Rest-Sauerstoffgehalt und je höher der Brennstoffwassergehalt, desto höher der erzielbare Wirkungsgrad. So kann der Brennstoff noch effizienter eingesetzt werden und der Gesamtwirkungsgrad der Anlage erhöht sich um 15 bis 20 Prozent.

Minimierte Feinstaubbelastung  
Die nachgeschaltene Rauchgaskondensationsanlage nutzt nicht nur die noch im Rauchgas enthaltene Energie, sondern sorgt für ein nahezu schwadenfreies Rauchgas. Die Energie­gewinnung aus Biomasse trägt durch die zentrale Wärmeerzeugung und die optimalen Verbrennungsbedingungen dazu bei, dass die Feinstaubsituation – im Gegensatz zu Einzelfeuerungsanlagen – deutlich reduziert wird. Mit der Installierung einer modernen Abgasreinigungsanlage werden die vorgegebenen Grenzwerte deutlich unterschritten. Gesetzlich ist ein Staubgrenzwert von 20 mg/m3 vorgeschrieben, ein Elektrofilter des Unternehmens Scheuch reinigt das Rauchgas sogar auf unter 10 mg/m³.

Störungsfreier Betrieb
Sämtliche für den Betrieb der Anlage notwendigen Komponenten sind redundant ausgeführt, um auch im Störfall einen unterbrechungsfreien Betrieb zu gewährleisten. Als Ausfallsreserve für die Biomassekessel ist eine 5 MW Ölkesselanlage von Bosch installiert – diese dient als Sicherheit und ist im normalen Heizbetrieb während der Revisionsarbeiten beziehungsweise zu regelmäßigen Testläufen in Betrieb.

Zügiges Bauvorhaben
Dass es sich bei den Betreibern der Anlage um Experten in ihrem Metier handelt, davon zeugt auch die Schnelligkeit, mit der das Vorhaben ausgeführt wurde: Von der Standortsuche inklusive aller behördlichen Verfahren bis hin zur Fertigstellung und Inbetriebnahme dauerte es nur rund zehn Monate. Die Anlage befindet sich seit Dezember 2017 im Vollbetrieb, heute hängen rund 35 Abnehmer in Gurgl am Wärmenetz. Jährlich können nun rund 2,2 Millionen Liter Heizöl in der Region eingespart und die Schadstoffemissionen entsprechend dramatisch verringert werden. Somit wurden in Obergurgl alle Voraussetzungen geschaffen, um den Klimazielen des Landes Tirol gerecht zu werden. Die Abnehmer der Biowärme profitieren überdies von einem konstanten Energiepreis, der nicht den Schwankungen der fossilen Brennstoffe unterliegt. So zeigt sich die Biowärme Obergurgl als höchst sinnvolle Energiegewinnung in dieser exponierten Lage – für die Wärmeabnehmer ebenso wie für die Natur: Der Einbau modernster Abgasreinigungssysteme garantiert einen extrem umweltfreundlichen und schadstoffarmen Betrieb in dieser hochsensiblen Berg- und Gletscherregion.

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Nachhaltige Begrüßung: Wer nach Obergurgl fährt, passiert als erstes das Biomasseheizwerk am Ortseingang. Dank optisch ansprechender Holzfassade fügt es sich harmonisch in die Umgebung.

Foto: Biowärme Obergurgl

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Die Biowärme Obergurgl liefert seit Herbst 2016 mit dem „Biomassekessel 1“ Wärme an die Abnehmer. Der zweite Heizkessel wurde kurz darauf an den Netzbetrieb angeschlossen.

Foto: Biowärme Obergurgl

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Im Mittel  werden in Obergurgl pro Jahr 198 Tage mit Schneebedeckung gemessen, was für den Bau nur ein enges Zeitfenster offen ließ.

Foto: Biowärme Obergurgl

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Urbas lieferte die beiden geforderten Kessel­größen je für den Winter- und den Sommerbetrieb.

Foto: Biowärme Obergurgl

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Die Hackschnitzel stammen aus der Region und werden in einer großzügigen Halle eingelagert.

Foto: Biowärme Obergurgl

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Für den Notfall gerüstet: Ein 5 MW starker Ölkessel würde im Störfall für den weiterlaufenden Betrieb sorgen.

Foto: Biowärme Obergurgl

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Der Elektrofilter des Unternehmens Scheuch reinigt das Rauchgas auf einen Staubgrenzwert von unter 10 mg/m3.

Foto: Biowärme Obergurgl

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Der Betrieb der Biowärme Obergurgl ist vollautomatisch. Ein Mitarbeiter betreut die Anlage mittels des ausgefeilten Steuerungssystems.

Foto: Biowärme Obergurgl