Hochwasser: Risiken, Vorsorge und Verantwortung der Gemeinden

7. Januar 2026, Lesedauer: 6 min

Hochwasserereignisse stellen Gemeinden vor immer größere Herausforderungen – nicht zuletzt durch den Klimawandel und die Zunahme von Starkregen. zek kommunal sprach mit Prof. Dr. Günter Blöschl, Leiter des Instituts für Wasserbau und Ingenieurhydrologie sowie Direktor des PhD-Programms „Water Resource Systems“ an der TU Wien, über Risikowahrnehmung, technischen und organisatorischen Hochwasserschutz sowie die Bedeutung von Eigenvorsorge und Zusammenarbeit auf kommunaler Ebene.

Günter Blöschl
Prof. Dr. Günter Blöschl, Leiter des Instituts für Wasserbau und Ingenieurhydrologie an der TU Wien und führender Experte in der Hochwasser-Hydrologie.
© Günter Blöschl

zek: Herr Prof. Blöschl, Sie gelten als einer der weltweit führenden Experten im Bereich Hochwasser-Hydrologie – kürzlich wurden Sie dafür mit dem renommierten Stockholm Water Prize ausgezeichnet, dem „Wasser-Nobelpreis“ für herausragende Leistungen in der Wasserforschung. Sie beschäftigen sich also schon sehr lange mit Extremereignissen in der Hydrologie. Wie hat sich die Risikowahrnehmung in den Gemeinden in den letzten Jahren verändert?

Prof. Günter Blöschl: Sie hat sich klar verändert. Leider hatten wir in den vergangenen Jahren eine ganze Reihe großer Hochwasser – sowohl an großen Flüssen wie der Donau als auch an kleinen Bächen nach Gewittern. Auch sogenannte Muren und Rutschungen auf Flächen ohne Gewässer traten auf. Diese Ereignisse haben das Risikobewusstsein stark geschärft. Über die letzten 20 bis 30 Jahre hat sich da viel verschoben.

Hat das auch Auswirkungen auf die Investitionen der Gemeinden in den Hochwasserschutz?

Ja, absolut. Österreich hat grundsätzlich eine lange Tradition, Hochwasserschutz ernst zu nehmen. Vor allem große Gemeinden haben schon seit vielen Jahren investiert, kleinere in unterschiedlichem Ausmaß. Man sieht aber insgesamt viele Aktivitäten. Wichtig ist, dass technischer Hochwasserschutz – also etwa mobile Wände – nur ein Teil ist. Genauso bedeutend sind passiver Schutz und das Management während eines Ereignisses: Wie schnell reagiert man, wie gut ist die Bevölkerung informiert? Ein Beispiel: Bei den Katastrophen 2021 in Deutschland und 2024 in Spanien gab es jeweils rund 200 Todesopfer. Die Hälfte davon starb, weil Menschen in die Garage gingen, um ihr Auto zu retten – etwas, das vermeidbar gewesen wäre, wenn die Bevölkerung besser informiert gewesen wäre. Das zeigt: Hochwasserschutz ist mehr als nur Technik, es ist ein umfassendes Management.

In den letzten Jahren häufen sich Starkregenereignisse auf kleiner Fläche. Was bedeutet das für den Hochwasserschutz?

Studien zeigen, dass kurze, intensive Starkregen in Österreich um rund 20 Prozent zugenommen haben – deutlich mehr als die Tagesniederschläge. Das betrifft vor allem kleinere Flächen, Bäche und Hänge. Hier wird Anpassung immer wichtiger. Bauliche Maßnahmen wie Schutzdämme allein reichen nicht, deshalb ist die individuelle Eigenvorsorge entscheidend. Niemand kann einen Schutzdamm um jedes Haus bauen. Aber es gibt viele kleine Maßnahmen – Kellerfenster sichern, Türen abdichten, sensible Bereiche schützen. Dazu kommt Information und Bewusstseinsbildung. Förderungen können helfen, diese Maßnahmen umzusetzen.

Welche Rolle spielt Digitalisierung im Hochwassermanagement?

Vorhersagesysteme gibt es in Österreich seit über 100 Jahren. Heute sind die Methoden deutlich verfeinert, und auch künstliche Intelligenz wird eingesetzt. Aber ich sehe keine Revolution, sondern eine kontinuierliche Verbesserung. Besonders für große Flüsse sind die Vorhersagen recht genau. Für kleine Bäche ist es schwieriger, weil die Vorwarnzeit oft nur Minuten beträgt und Gewitter räumlich schwer vorhersagbar sind. Hier gibt es noch Forschungsbedarf.

Wie wichtig ist die Sensibilisierung der Bevölkerung?

Sehr wichtig. In Österreich gibt es viele positive Beispiele. Denken wir etwa an das Hochwasser im September 2024 in Niederösterreich: Es war verheerend, aber es gab fast keine Todesopfer. Das zeigt, dass die Bevölkerung vorbereitet war und auch die Fachleute – sowohl auf technischer als auch auf organisatorischer Seite – gut reagiert haben. Schäden lassen sich nicht verhindern, aber sie können deutlich reduziert werden.

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Hochwasser 2024 in Österreich: Der Bahnhof Tullnerfeld stand nach den Regenfällen und den darauffolgenden Überschwemmungen unter Wasser – und war als Folge der Katastrophe über ein Monat außer Betrieb.
© Lukas Raich / Wikimedia

Sie sprechen in Ihren Arbeiten häufig von einem „Systemverständnis“ in der Wasserwirtschaft. Was bedeutet das konkret für den kommunalen Hochwasserschutz?

Es geht darum, die Prozesse zu verstehen, wie Wasser sich in einer Landschaft verhält – und dieses Wissen für Planung und Management zu nutzen. Es reicht nicht, ein Rückhaltebecken oder eine mobile Wand zu bauen. Diese Maßnahmen müssen auch im Ernstfall funktionieren. Sonst ist der Aufwand vergeblich. Ein Beispiel: Ein Rückhaltebecken kann beim Hochwasserscheitel bereits voll sein und damit wirkungslos. Deshalb ist Systemverständnis entscheidend, damit bauliche Maßnahmen, Prognosen und Management ineinandergreifen. Dazu gehört auch die Raumplanung – eines der wichtigsten, aber auch politisch schwierigsten Instrumente. Denn dort, wo es gefährlich ist, sollte man nicht bauen.

Welche Möglichkeiten haben kleinere und mittlere Gemeinden mit begrenzten Ressourcen?

Ein bewährter Ansatz sind Hochwasserverbände – Zusammenschlüsse mehrerer Gemeinden. Sie ermöglichen gemeinsame Planung und Maßnahmen, auch mit Unterstützung des Landes. Das hat Vorteile technisch, organisatorisch und finanziell. Außerdem betrifft Hochwasser meist ganze Regionen: Wenn oberhalb ein Rückhaltebecken gebaut wird, profitieren die Unterlieger. Deshalb ist Zusammenarbeit entscheidend. Und auch die Finanzierung wird auf mehrere Schultern verteilt, meist mit erheblichem Landesbeitrag.

Welchen Ratschlag würden Sie einem Bürgermeister in einer hochwassergefährdeten Gemeinde geben?

Ich würde empfehlen, einem Hochwasserverband beizutreten und gemeinsam mit Nachbargemeinden Lösungen zu entwickeln. Diese Zusammenarbeit ist aus meiner Sicht der Schlüssel.

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Hochwasser zeigen, wie gewaltig die Kräfte der Natur sein können.
© Archiv Harald Weber / harald-weber.info /Wikimedia

Wie schätzen Sie die Hochwassergefahr in Österreich in Hinblick auf den Klimawandel ein?

Generell steigt durch den Klimawandel das Risiko – besonders durch die Zunahme kurzer Starkregen. Dazu kommen in Städten die Effekte der Versiegelung. Insgesamt muss Hochwasser noch ernster genommen werden. Gleichzeitig darf man nicht vergessen: Hochwasser hat es auch ohne Klimawandel gegeben. Das größte bekannte Ereignis in Mitteleuropa war 1342 – lange vor menschgemachtem Klimawandel. Aber heute kommen beide Faktoren zusammen, weshalb das Thema stärker auf die Agenda gehört.

Sie beschäftigen sich in Ihrer Arbeit mit der Soziohydrologie. Was ist darunter zu verstehen?

Das ist ein Teilgebiet der Hydrologie, das den Einfluss des Menschen einbezieht. Ein Beispiel: Wenn ein Schutzdamm gebaut wird, siedeln sich Menschen und Betriebe in dem geschützten Gebiet an. Kommt dann ein größeres Hochwasser als die Dammkrone, können die Schäden höher sein als ohne Damm – da es nur durch dessen Bau zur Besiedelung gekommen ist. Man muss also nicht nur die Bauwerke betrachten, sondern auch die gesellschaftlichen Reaktionen darauf.

Herr Professor, wenn Sie zum Abschluss einen Gedanken mitgeben könnten: Was sollten Gemeinden im Hinterkopf behalten, wenn es um Hochwasserschutz geht?

Es gibt keinen absoluten Schutz. Auch Megaereignisse sind möglich. Man kann sich nicht auf jedes Szenario vorbereiten, aber man sollte darüber nachdenken, was im Extremfall passieren könnte. Dieses Bewusstsein hilft, im Ernstfall besser reagieren zu können. Die in Österreich gewachsene Kultur im Umgang mit Hochwasser gibt dennoch Anlass zu Zuversicht.

Vielen Dank für das Gespräch!

Erschienen in zek KOMMUNAL, Ausgabe 3/2025