Abwasser gemeinsam gedacht: Stubaital schließt an Innsbruck an
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Nach mehrjähriger Planung ist der Anschluss des Stubaitals an das Innsbrucker Abwassernetz abgeschlossen. Mit der neuen Druckleitung und dem Umbau der Kläranlage Mieders zum Pumpwerk wird das Abwasser aus den vier Talgemeinden künftig zentral in der größten Tiroler Kläranlage in der Roßau gereinigt. Die gemeinsame Lösung von Abwasserverband Stubaital und der Innsbrucker Kommunalbetriebe AG spart Energie, reduziert Betriebskosten und erhöht die Versorgungssicherheit – ein Beispiel dafür, wie kommunale Zusammenarbeit nachhaltige Infrastruktur schafft und vorhandene Ressourcen effizient nutzt.

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Interkommunale Abwasserlösung im Stubaital
Wenn Gemeinden zusammenarbeiten, entstehen Lösungen mit Weitblick. So auch im Stubaital: Nach über 40 Jahren wurde die Kläranlage Mieders des Abwasserverbands Stubaital außer Betrieb genommen. Anstatt die Anlage aufwendig zu erneuern, entschieden sich die Gemeinden Neustift, Fulpmes, Telfes und Mieders gemeinsam mit der Innsbrucker Kommunalbetriebe AG (IKB) füreine üb erregionale Lösung – den Anschluss an das Kanalnetz der Tiroler Landeshauptstadt. Seit August 2025 fließt das Abwasser über einen neuen, elf Kilometer langen Kanal, davon 4,5 Kilometer als Druckrohr, bis in die Kläranlage Roßau, wo es energieeffizient und ressourcenschonend aufbereitet wird. Vom entferntesten Anschlusspunkt beim Stubaier Gletscher bis zur Kläranlage Roßau legt das Abwasser dabei rund 50 Kilometer zurück.
Kläranlage Roßau nutzt freie Kapazitäten
Die Kläranlage Roßau ist die größte Tirols. Sie reinigt bereits seit vielen Jahren die Abwässer aus Innsbruck und zahlreichen Umlandgemeinden. Mit dem Anschluss des Stubaitals nutzt man die vorhandenen Kapazitäten dieser modernen Großanlage optimal aus – ein Beispiel, wie regionale Kooperation ökologische und ökonomische Vorteile vereint und zugleich Versorgungssicherheit garantiert.
Synergien durch gemeinsame Infrastrukturplanung
Der Grundgedanke des Projekts war ebenso einfach wie überzeugend: vorhandene Ressourcen in Innsbruck nutzen und gleichzeitig die Infrastruktur im Stubaital modernisieren. Unter dem Motto „gemeinsam gedacht“ wurde die neue Leitung so geplant, dass sie mehrere kommunale Bedürfnisse abdeckt. Neben der Abwasserleitung entstanden Synergien für Strom-, Wasser- und Glasfasertrassen sowie ein neuer Radweg entlang zentraler Abschnitte. Diese Mehrfachnutzung der Trasse steht beispielhaft für effiziente Infrastrukturplanung im kommunalen Bereich. Mit einer Gesamtinvestition von rund 17 Millionen Euro – getragen von der IKB – wurde eine zukunftssichere und wirtschaftliche Lösung für das gesamte Tal geschaffen.
Anschlusskanal zwischen Alpenraum und Zentralanlage
Die topografischen Bedingungen zwischen Mieders und Innsbruck machten das Projekt zu einer echten Ingenieursaufgabe. Die Trasse verläuft über Hanglagen, Wiesen und felsige Abschnitte, in denen präzise Planung und flexible Ausführung gefragt waren. In vier Bauabschnitten wurde die Leitung zwischen Oktober 2022 und Juli 2025 fertiggestellt. Die ehemalige Kläranlage in Mieders wurde zu einem leistungsfähigen Pumpwerk umgebaut, das nun das gesammelte Abwasser mit bis zu 180 Litern pro Sekunde in Richtung Innsbruck befördert. Zwei redundante Pumpaggregate sorgen für Betriebssicherheit, während Sensoren permanent Druck, Durchfluss und Systemzustände überwachen und an das Leitsystem des Geschäftsbereichs Abwasser der IKB melden.

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Druckrohrleitung mit duktilen Gussrohren
Zum Einsatz kamen bei dem Projekt duktile Gussrohre in den Nennweiten DN250 bis DN400. Die Verbindungssysteme – BLS- und Hydrotight-Kupplungen – sind auf hohe Druckstufen (PN 16 bis PN 40) ausgelegt und ermöglichen eine flexible Montage selbst im alpinen Gelände. Innen schützt eine Polyurethan-Beschichtung (PUR) vor Reibungsverlusten, außen sorgt eine Zink-Epoxy-Kombination für dauerhaften Korrosionsschutz. Geliefert wurde das gesamte Rohrmaterial von Alpe Pipe Systems. Der österreichische Komplettanbieter für Druckrohrsysteme und Verbindungstechnologien beliefert Kommunen, Energieversorger und Industriebetriebe mit maßgeschneiderten Rohrlösungen – von duktilen Gussrohren über Formstücke bis hin zu Spezialarmaturen. Dabei setzt Alpe Pipe Systems auf Werkstoffkompetenz, kurze Lieferketten und praxisorientierte Beratung. Der Fokus liegt auf langlebigen Materialien, hoher Betriebssicherheit und wirtschaftlicher Montage. Dazu Luis Kluibenschädl, Geschäftsführer von Alpe Pipe Systems: „Für einen sicheren Dauerbetrieb braucht es das Zusammenspiel aus hydraulischer Auslegung, Steuerungstechnik und robustem Rohrsystem.“

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Bau des Anschlusskanals unter alpinen Bedingungen
Der Bau des Anschlusskanals verlangte ein hohes Maß an Flexibilität: Steilhänge, enge Zufahrten und unterschiedliche Bodenverhältnisse stellten die Bautrupps täglich vor neue Herausforderungen. Standardisierte Rohrlängen, ein breites Formteilprogramm und die Möglichkeit zur Vormontage im Tal erwiesen sich als entscheidende Vorteile. „Wir mussten die Bauausführung immer wieder flexibel anpassen – insbesondere in felsigen Abschnitten oder bei Leitungsquerungen“ erinnert sich Luis Kluibenschädl.

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Energieeffizienter Betrieb durch optimierte Hydraulik
Nach der Inbetriebnahme überwacht ein durchgängiges Sensorsystem sämtliche Druck- und Strömungsverhältnisse. Die Daten fließen in Echtzeit in das Leitsystem der IKB ein und ermöglichen eine zustandsorientierte Wartung. Bei Störungen erfolgt eine automatische Abschaltung und Alarmierung des Bereitschaftsdienstes – ein Sicherheitskonzept, das dem neuesten Stand der Technik entspricht. Neben der hohen Betriebssicherheit überzeugt auch die Energieeffizienz: Die Kombination aus hydraulischer Auslegung, Rohrmaterial und Beschichtung senkt die erforderliche Pumpenleistung deutlich. „Durch die PUR-Innenbeschichtung konnten wir die notwendige Pumpleistung deutlich reduzieren. Das wirkt sich unmittelbar auf den Energieverbrauch und die Betriebskosten aus“, betont Luis Kluibenschädl.
Vorteile für beide Seiten – gelebte Synergien zwischen Tal und Stadt
„Das Projekt im Stubaital zeigt, wie regionale Zusammenarbeit und moderne Technik zusammenwirken können – zum Nutzen von Umwelt und Bevölkerung“, betont Luis Kluibenschädl. Der Anschlusskanal ist ein Musterbeispiel gelungener interkommunaler Infrastrukturplanung: Er entlastet die Gemeinden dauerhaft von Betrieb, Wartung und gesetzlichen Anpassungen einer eigenen Kläranlage. Gleichzeitig optimiert die zentrale Reinigung in der Kläranlage Roßau die Energie- und Stoffströme – dort, wo Klärgas und Abwärme bereits effizient genutzt werden. Für den Abwasserverband Stubaital bedeutet der Anschluss planbare Kosten, geringe Betriebskomplexität und langfristige Versorgungssicherheit. Auch ökologisch setzt das Vorhaben Maßstäbe. Durch die Nutzung bestehender Kapazitäten werden Ressourcen geschont, die Gewässerbelastung reduziert und die Energieeffizienz gesteigert. Die Mitverlegung weiterer Infrastrukturkomponenten erhöht den Gesamtnutzen für die Region – ein Konzept, das zeigt, wie Nachhaltigkeit in kommunaler Praxis gelebt werden kann.
Interkommunale Kooperation als nachhaltiges Modell
Der Anschlusskanal Stubai steht beispielhaft für das, was interkommunale Zusammenarbeit leisten kann. Mit moderner Technik, wirtschaftlicher Planung und klar geregelten Zuständigkeiten wurde eine Infrastruktur geschaffen, die für Jahrzehnte Bestand haben wird. Das Projekt liefert wertvolle Erkenntnisse für andere Gemeinden sowie Verbände und beweist: Regionale Kooperation ist die beste Investition in Versorgungssicherheit, Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit.
Erschienen in zek KOMMUNAL, Ausgabe 4/2025