Hochwasser als ständiger Begleiter der Dreiflüsse-Stadt Passau
Bild: © Muhr
Nach den verheerenden Hochwassern der letzten Jahrzehnte zieht Passau Konsequenzen: Der neue Schutzabschnitt im Stadtteil Lindau ist Teil eines umfassenden Hochwasserschutzkonzepts, das die niederbayerische Stadt Schritt für Schritt absichert. Mobile Systeme von Muhr sorgen für Flexibilität und schnellen Aufbau – eine Lösung, die sich in Passau bereits im Ernstfall bewährt hat.
Hochwasserschutz in Passau: Ausgangslage und Lehren aus 2013
Passau und das Hochwasser – diese Verbindung zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der Dreiflüsse-Stadt. Eingebettet zwischen Donau, Inn und Ilz, liegt die Altstadt auf einer Halbinsel, die bei langanhaltendem Regen und steigendem Pegel schnell zur Angriffsfläche für die Fluten wird. Umgeben von steilen Hängen und dichter Bebauung fehlt es dem Wasser an Ausweichmöglichkeiten. Das verheerende Hochwasser von 2013 bleibt den Passauerinnen und Passauern in schmerzlicher Erinnerung. Anhaltender Dauerregen hatte die Pegel der Flüsse in historische Höhen getrieben: Die Donau erreichte 12,89 Meter, der Inn 10,20 Meter. Neun Tage lang herrschte Katastrophenalarm, Strom und Wasserversorgung fielen aus, die Altstadt stand bis ins erste Stockwerk unter Wasser. Die Schäden beliefen sich auf rund 100 Millionen Euro. Dieses Ereignis prägte die Hochwasserschutzstrategie der Stadt nachhaltig.

© Wikimedia

Mobiler Hochwasserschutz für Passau-Lindau
Aus den Erfahrungen dieser Extremereignisse heraus wurden in Passau zahlreiche Schutzmaßnahmen vorangetrieben. Unter anderem der Schutzabschnitt im von Überflutungen gefährdeten Stadtteil Lindau, der eine Gesamtlänge von rund 800 Metern mit mehreren mobilen Verschlussstellen umfasst, die an neuralgischen Punkten entlang der Donau angeordnet sind. Das für Passau zuständige Wasserwirtschaftsamt Deggendorf beauftragte den Ausbau eines kombinierten Schutzsystems, das feste Bauwerke mit mobilen Elementen verbindet. Damit wird ein durchgängiger Schutz entlang der Uferlinie geschaffen, ohne die städtebauliche Struktur oder den Verkehrsfluss dauerhaft zu beeinträchtigen. Die Baumaßnahmen umfassen eine Kombination aus Stahlbetonmauern, Geländeanpassungen und mobilen Dammbalkensystemen. Die fixen Elemente bilden das Rückgrat der Anlage, während mobile Verschlüsse an Straßenübergängen, Zufahrten und Einfahrten eingesetzt werden. Im Hochwasserfall werden die Aluminiumprofile in die vorbereiteten Anker- und Endprofile eingesetzt und bilden binnen kurzer Zeit eine dichte Barriere. Bei Normalbetrieb bleibt das System unsichtbar – ein wesentlicher Vorteil für den Alltag in einem dicht bebauten Stadtteil.

© Muhr

Dammbalkensysteme als kombinierte Hochwasserschutzlösung
Das in Passau eingesetzte Dammbalkensystem besteht aus Aluminiumprofilen mit Dichtungssystem, Mittelstützen und integrierten Ankerplatten. Die Profile sind auf hohe statische Beanspruchungen ausgelegt und halten dem Druck mehrerer Meter Wasser sicher stand, wodurch ein robustes und zugleich flexibel einsetzbares Schutzsystem entsteht. In Passau-Lindau wurde eine Schutzlinie mit mehreren Verschlussstellen umgesetzt, darunter erstmals eine zweireihige Anlage mit Doppelverschlüssen, die sich flexibel an das Gelände anpassen lässt. Die Bauausführung erfolgte bei beengten Platzverhältnissen entlang einer Bundesstraße, direkt angrenzend an die Betriebs- und Verkehrsflächen der ZF Friedrichshafen AG, und in unmittelbarer Nähe zur Donau. Die Koordination der Baustellenlogistik und der Anschluss an bestehende Dämme und Geländeformen verlangten exakte Planung und enge Abstimmung zwischen den beteiligten Partnern. Bereits in der Bauphase wurden Probeaufbauten durchgeführt, um Abläufe zu optimieren und einen reibungslosen Montageprozess sicherzustellen. Dabei wurden die Verschlusselemente aus dem Lager transportiert, montiert und auf Dichtigkeit überprüft.

© Muhr
Das System ist so ausgelegt, dass es im Hochwasserfall innerhalb kurzer Zeit errichtet werden kann. Zum Leistungsumfang gehörten zudem detaillierte statische Nachweise für freiauskragende Höhen bis 2,7 Metern sowie für Wandhöhen bis 5,4 Metern. Diese wurden über eine mittig teilbare Stützenkonstruktion mit präzise abgestimmten Rückabstützungen umgesetzt – ein Aufbau, der sowohl hohe Stabilität als auch eine flexible Anpassung an die örtlichen Gegebenheiten ermöglicht.„Eine besondere Herausforderung stellte die hochpräzise Montage der Ankerplatten für Verschlusshöhen bis 5,4 Metern dar – ausgeführt mit einer Toleranz von lediglich 1/10 Millimeter“, erklärt Marko Knežević, Projektleiter Hochwasserschutz bei Muhr. Das auf Hochwasserschutztechnik spezialisierte Unternehmen lieferte und montierte das mobile System. Die Muhr GmbH mit Sitz in Brannenburg (Bayern) verfügt über mehr als 60 Jahre Erfahrung im Stahlwasserbau und gilt als einer der führenden Anbieter für mobilen Hochwasserschutz in Europa. Das Unternehmen bietet Planung, Fertigung, Montage und Schulung aus einer Hand – ein Konzept, das Kommunen, Wasserwirtschaftsämter und Betriebe schätzen. Jedes Projekt wird individuell auf die lokalen Gegebenheiten abgestimmt. Besonderer Wert wird auf einfache Handhabung, Wartungsfreundlichkeit und lange Lebensdauer gelegt. Zahlreiche Referenzen in Deutschland und Europa belegen die Zuverlässigkeit der Systeme.

© Muhr
Hochwasserschutzsystem bewährt sich im Ernstfall
Seit der Fertigstellung Ende 2023 musste sich die Anlage bereits bei einem Hochwasserereignis im Juni 2024 mit 10 Meter hohem Wasserstand bewähren. Die mobilen Elemente wurden planmäßig aufgebaut, die Schutzlinie hielt den Belastungen stand, und die geschützten Bereiche blieben trocken. Ein wesentlicher Faktor für den reibungslosen Einsatz ist die intensive Schulung der Verantwortlichen vor Ort. Bereits im Zuge der Inbetriebnahme führte Muhr praktische Trainings mit dem Personal des Wasserwirtschaftsamts und der örtlichen Einsatzkräfte durch – von der Lagerlogistik bis zur fachgerechten Montage der Dammbalken. Diese Übungen gewährleisten, dass im Ernstfall jeder Handgriff sitzt.

© Muhr
Langfristiger Hochwasserschutz für die Dreiflüsse-Stadt Passau
Das Projekt fügt sich in das Gesamtkonzept des Passauer Hochwasserschutzes ein, das die Altstadt und angrenzende Stadtteile umfasst. Mit der Schutzmaßnahme wurde ein wesentlicher Beitrag zur Sicherheit der Anwohner und Betriebe geschaffen, ohne die alltägliche Nutzbarkeit des Stadtteils einzuschränken. Durch die Kombination von fixen und mobilen Elementen bleibt der Stadtteil im Alltag offen und lebenswert, ist im Ernstfall jedoch zuverlässig geschützt. Nicht zuletzt zeigt die erfolgreiche Bewährung beim Hochwasser 2024, wie durchdachte Maßnahmen entscheidend für wirksamen Hochwasserschutz sind und dazu beitragen, die niederbayerische Dreiflüsse-Stadt dauerhaft zu sichern.
Erschienen in zek KOMMUNAL, Ausgabe 4/2025