Energieeffizientes Vorzeigeprojekt Fernwärme Neusiedl am See: Aus Windstrom wird Wärme

Autor: Patricia Pfister , 31.01.2022

Im Burgenland herrschen ähnlich starke Windverhältnisse wie in der Nähe der deutschen Nordseeküste, weswegen die Landespolitik seit rund zwei Jahrzehnten den Ausbau der Windkraft forciert.

Oft führt dieses hohe Windstromaufkommen zur Abregelung der Windkraftanlagen, wodurch das Energiepotenzial nicht voll ausgeschöpft werden kann. Dem entgegen wirkt nun eine Power-to-Heat-Anlage in Neusiedl am See: Die Anlage koppelt die Sektoren Strom und Wärme, indem aus Windstrom via Hochleistungswärmepumpen Wärme erzeugt und diese direkt ins lokale Fernwärmenetz eingespeist wird.

Die Parndorfer Platte ist nicht nur eine der windstärksten Binnenregionen Europas, sie bietet in Neusiedl am See mit einem Biomasseheizwerk samt Fernwärmenetz auch optimale Voraussetzungen für die Kombination von Strom und Wärme für einen noch effizienteren Energieeinsatz. Mit der Inbetriebnahme einer Power-to-Heat-Anlage werden die beiden Energieträger durch eine Wärmepumpe intelligent gekoppelt und ermöglichen so den Ersatz von Gas- und Biomasse durch den Einsatz von Windenergie. 1.000 Haushalte können so mit grüner Heizwärme versorgt und jährlich 1.250 MWh Erdgas, 1.200 Tonnen Biomasse – 80 Lkw-Fuhren – und 300 Tonnen CO2 eingespart werden. Das Projekt wurde für seine innovative Technologie mehrfach ausgezeichnet. Insgesamt wurden fünf Millionen Euro in die Anlage investiert. Den Auftrag für die Umsetzungsplanung zur nachhaltigen Nutzung von Windstrom in dieser Form für das bereits bestehende Biomasseheizwerk der Energie Burgenland erhielt das Ingenieurbüro Riebenbauer. Das Heizwerk in Neusiedl erfuhr durch das Pilotprojekt zur innovativen Sektorkopplung eine nachhaltige Optimierung sowie Effizienzsteigerung und trägt damit zu einer beträchtlichen Ressour­cen­einsparung an Erdgas bei.    

Direktleitung bringt Windkraft zum Heizwerk
Bisher wurde Strom über mehrere Umspannwerke von den Windenergieanlagen abtransportiert und die Wärme vom Biomasseheizwerk über das Fernwärmenetz an die Haushalte geliefert. Teil des Projektes war der Bau einer Direktleitung zwischen dem Umspannwerk und dem Heizwerk: Über die drei Kilometer lange Leitung wird Strom aus dem Windpark direkt zu den eigens entwickelten Hochleistungswärmepumpen im Heizwerk transportiert. Hier stehen zwei Warmwasserpufferspeicher mit jeweils 150 m3 Volumen zur Verfügung. Die Wärmepumpen selbst nutzen nur den Windstrom für ihren Betrieb, bei Windflaute werden die Wärmepumpen mittels neu eingebauter Kondensatoren heruntergefahren und in einen sicheren Anlagenzustand versetzt. Für die elektrotechnische Einbindung der Anlage, die Steuerungstechnik sowie die Kondensatoren zeichnet das Unternehmen Elektro Merl verantwortlich. Ziel sei es, so die Projektbetreiber, den Erdgaseinsatz gegen Null und den Biomasseeinsatz weitgehend zu reduzieren. Mit dieser Art von Sektorkopplung will die Energie Burgenland den Anteil der Erneuerbaren im Energiemix der Stadt Neusiedl erhöhen und die Abregelungen der Windkraftanlagen aufgrund zu großem Windstromaufkommens in der Region senken. „Überschüssiger Windstrom, der im Netz nicht abgenommen werden kann und zu einer Abregelung der Windstromanlagen führen würde, kann so einer nachhaltigen, ökologisch sinnvollen Nutzung zugeführt werden“, erläutert der Planer der Anlage, Leo Riebenbauer.

Heizmaterial wird gespart    
 „Wir nutzen mit der neuen Anlage‚ das Gold des Burgenlandes‘ zweimal: Einmal um Strom zu erzeugen, um mit diesem Strom dann Luftwärmepumpen anzutreiben und damit Wärme für 1.000 Haushalte in Neusiedl zu erzeugen“, so Energie Burgenland-Vorstand Stephan Sharma. Bleibt der Wind einmal aus, wird auf Biomasse zurückgegriffen. Während so im Sommerbetrieb zwei Luftwärmepumpen in Betrieb sind, die die Lufttemperatur mit Windstrom für die Einspeisung ins Fernwärmenetz anheben und der Biomassekessel im Sommer sogar abgeschaltet werden kann, wird im Winter die neue Rauchgaskondensationsanlage und damit der Abgasstrom aus dem Biomassekessel plus Windstrom als Wärmequelle verwendet. Durch die neue Rauchgaskondensation aus dem Hause Heger ­Edelstahl in Verbindung mit den windstrombetriebenen Wärmepumpen kann im Winter Gas zur Spitzenlastabdeckung eingespart werden.    

Power-to-Heat: Mit gutem Beispiel voran    
Der Bezirk Neusiedl am See sei der am stärksten wachsende Bezirk im Burgenland, insbesondere die Stadt Neusiedl habe einen steten Bevölkerungszuwachs zu verzeichnen. „Mit der Bevölkerungsentwicklung steigt auch der Energiebedarf in Neusiedl. Die Power-to-­Heat-Anlage bietet Potential, auch dem künftigen Bedarf an Heizenergie Rechnung zu tragen“, so Bürgermeisterin Elisabeth Böhm. „Diese Kombination aus Windenergie und Wärmepumpe gibt es weltweit noch nicht“, zeigte sich Landeshauptmann Hans Peter Doskozil anlässlich der feierlichen Inbetriebnahme begeistert. „Das Modell könnte auch für die kleinteilige regionale Versorgung die Zukunft sein – und ein weiterer Baustein auf dem Weg des Burgenlandes, bis 2030 energieautark zu werden.“

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V.l. Green Energy Lab-Vorstand DI Dr. Andrea Edelmann, Energie Burgenland-CFO Mag. Reinhard Czerny MBA, Energie Burgenland-CFO Dr. Stephan Sharma, DI Karl Ochsner, Ochsner Wärmepumpen, LH Mag. Hans-Peter Doskozil, LAbg. Bgm.in Elisabeth Böhm

Foto: Energie Burgenland

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Durch die Umwandlung von Windstrom in Heiz­energie wird der Einsatz an Hackgut im Biomasseheizwerk beträchtlich reduziert. Der Biomasse­kessel kann im Sommer sogar abgeschaltet werden.

Foto: Energie Burgenland

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Die Wärmepumpen lieferte Ochsner Energie Technik

Foto: Riebenbauer

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Die Hochleistungswärmepumpen erzeugt Wärme aus überschüssigen Windstrom. Die Verlegung der Rohre übernahm  die ATG Anlagentechnik GmbH.

Foto: Riebenbauer